7. Forum: Gesundheitsmerkmale in der Pferdezucht- Holsteiner Jungzüchter blicken in die Zukunft

Rund 250 Gäste, darunter Jungzüchter, Altzüchter und Interessierte, folgten der Einladung der Holsteiner Jungzüchter zum 7. Jungzüchterforum am 1. Dezembersamstag in die Fritz-Thiedemann-Halle in Elmshorn. Die Moderatoren Margit Paustian und Mandes Verhaagh leiteten durch das Forum, das in diesem Jahr unter dem hochaktuellen und vielerorts diskutierten Thema „Gesundheitsmerkmale in der Pferdezucht“ stand. Das Thema bewegt zurzeit viele Gemüter und gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, wird das Thema Gesundheit immer wichtiger für jeden Züchter. Vor allem im Verkauf und unter dem Gesichtspunkt der Qualitätsverbesserung der eigenen Zucht spielt die Gesundheit eine wichtige Rolle.

Das diesjährige Forum startete mit einem informativen und anspruchsvollen Vortrag von Frau Dr. Kathrin Stock vom VIT in  Verden. Sie informierte umfassend über den aktuellen Stand in Sachen Gesundheitsaspekten in der Pferdezucht. Angefangen mit dem Zuchtziel eines Zuchtverbandes, dem Zuchtprogramm, der Datengrundlage, Fütterung, röntgenologische Befunde sowie der Genomischen Selektion. Es gelang ihr dazu jeweils die Verknüpfung zu aktuellen Studienergebnissen und den Entwicklungen beim KWPN und in Skandinavien herzustellen. Nach einer kurzen Pause startete die Podiumsdiskussion, bei der wir neben Frau Dr. Kathrin Stock, Dr. Thomas Nissen, Hans van Tartwijk, Rob Krabbenborg, Dr. Bernhard Rademacher, Dr. Jens Tetens und Otto Boje Schoof begrüßten.

Der Zuchtleiter der Holsteiner Verbandes, Dr. Thomas Nissen, erklärte sehr eindringlich, dass das Thema der Gesundheit ihn als Zuchtleiter schon lange und intensiv beschäftigt. Er berichtete, dass auch verbandsübergreifend bereits Strategien zur verbesserten Berücksichtigung der Gesundheit in der Zucht diskutiert werden. Vorrangig galt es gemeinsame Standards für die Untersuchung der Hengste festzulegen. Dieses betrifft auch die möglichst einheitliche Bewertung von Röntgenbildern. Sie ist eine ganz wichtige Voraussetzung, denn nur mit einer gemeinsamen Datengrundlage können zuchtverbandsübergreifende Projekte, wie z.B. eine Zuchtwertschätzung auf OCD oder auch die Entwicklung einer 'genomischen Selektion' auf Gesundheitsmerkmale, angegangen werden. Voraussetzung für solche zuchtverbandsübergreifende Auswertungen sind aber die 'Schularbeiten' der einzelnen Verbände. Hier sollte Holstein eine Vorreiterrolle spielen und erstmal ein eigenes Gesundheitskonzept umsetzen. Dazu ist aber ein offener Umgang mit Gesundheitsdaten erforderlich. Jeder Züchter sollte den Gesundheitsstatus seiner Stute kennen und auch den der Hengste. Dann kann dieser Aspekt bei der Anpaarung mehr Berücksichtigung finden. Es wäre dann z.B. auch möglich, Nachkommengruppen von Junghengsten regelmäßig zu röntgen und die Ergebnisse für die Züchter zur Verfügung zu stellen. Dabei muss aber bedacht werden, dass die Erblichkeit für Gesundheitsmerkmale zwischen 10 – 30% (h2 = 0.1 – 0.3) liegt, neben der Zucht müssen auch äussere Einflüsse berücksichtigt werden, d.h. die Haltung und die Fütterung muss zudem optimiert werden.

Rob Krabbenborg, studierter Tierwissenschaftler und Fütterungsexperte,  wies darauf hin, dass das Raufutter die Grundlage der optimierten Fütterung ist. Die Firma Pavo analysiert standardmäßig eine große Anzahl von Grundfutterproben  (Heu / Heulage) und diese Analysen sind die Basis für die Zusammensetzung von Zuchtfutter für Stuten und Fohlen. Als besonderen Punkt wies er auf den Zusammenhang zwischen der Entstehung von OCD und Insulin hin. Durch eine stärkereiche Fütterung mit Hafer würde das Wachstum zu stark gefördert werden. So gebe es einen Zusammenhang zwischen schnellem Wachstum, hohen Tageszunahmen und dem vermehrten Auftreten von OCD. Das Fohlen- und Jungpferdekraftfutter sollte daher stärkereduziert sein. Ebenso ist der erhöhte und in der Gesamtration ausgewogene Mineral- und Spurenelementgehalt von großer Bedeutung. Fohlen hätten einen erhöhten Bedarf an Magnesium und Phosphor, Calcium würde in der Regel durch die Mutterstute abgedeckt. Insbesondere in den letzten Trächtigkeitsmonaten und im frühen Fohlenalter sollte dies in der Fütterung ausreichend Berücksichtigung finden.

Hans van Tartwijk, Tierwissenschaftler und Mitglied des Zuchtrats beim KWPN,  berichtete sehr offen über das Vorgehen im niederländischen Zuchtverband zum Thema Gesundheit. Gleich nach der Leistung steht im KWPN Zuchtziel die Gesundheit. Das verdeutlicht den hohen Stellenwert beider Aspekte. Im Jahr 2011 hat das KWPN nach nur wenigen Jahren Vorarbeit einen Zuchtwert OCD eingeführt. Der KWPN schließt keine Pferde von der Zucht aus, aber veröffentlicht die Zuchtwerte, die für jedermann zugänglich sind. Die Veröffentlichung der Ergebnisse war zwar kritisch, wurde jedoch vom Verband konsequent durchgeführt - den Rest regelt der Markt. So wird verhindert, dass hocherfolgreiche Vererber von der Zucht ausgeschlossen werden. Darüber hinaus hat der Züchter mehr Informationen zur Hand und kann selbst entscheiden. Für den Aufbau einer Datenbank werden pro Hengst jährlich 20 vom KWPN zufällig ausgewählte Jährlinge auf OCD geröntgt. Diese Daten bilden die Grundlage für die Zuchtwertschätzung.

Dr. Bernhard Rademacher, Fachtierarzt, wies deutlich auf den Leistungsaspekt und die unterschiedliche Härte der Pferde hin: „Befunde hin und her, am Ende kommt es auf die Leistung an! Von erfolgreichen Vererbern wissen wir, dass sie Probleme in der Gliedmaßengesundheit vererbt haben, aber gleichzeitig lieferten sie hocherfolgreiche Sportler.“. Wer meint, durch rechtzeitiges Röntgen und Operieren einen OCD Befund vertuschen zu können, der irrt. Tierärzte und Besitzer sind erstens verpflichtet Operationen zu nennen, zweitens hinterlassen Operationen an Sprung- und Kniegelenk immer Spuren und sind auf späteren Röntgenbildern sichtbar. Es muss eine größere Offenheit und Transparenz im Umgang mit Röntgenergebnissen geschaffen werden.

Die Genomische Selektion in Bezug auf OCD, die Frau Dr. Stock auch in Ihrem Vortrag angerissen hatte, ist laut Dr. Jens Tetens von der Uni Kiel, in der Praxis noch nicht angekommen. Hier steht die zentrale Erfassung und Speicherung von röntgenologischen Daten voran. Die Umsetzung wäre im Zuge einer Einführung der Genomischen Selektion für die deutsche Reitpferdezucht in der Zukunft kein Problem.

Otto-Boje Schoof, erfolgreicher Holsteiner Züchter,  brachte zum Schluss seine Perspektive für Holstein auf den Punkt. Die Leistung sollte weiterhin an erster Stelle der gezielten Selektion stehen, er gab jedoch zu bedenken das top-veranlagte Pferde für den Sprung in den Spitzensport ein unverzichtbares Maß an Gesundheit und Härte mitbringen müssen. Hier ist seiner Meinung nach besonders der Züchter gefragt, denn der Grundstein für gesunde Leistungspferde wird schon beim Fütterungs- und Bewegungsmanagement der tragenden Stute gelegt und setzt sich dann weiter bis über das Fohlenalter hinaus fort.  Die Drittelung aus Gesundheit, Management und bester Genetik ist entscheidend für den Erfolg. Wer vorne dabei sein will, muss bestrebt sein sich überall die besten Informationen zu holen und mit offenen Augen durch die Welt zu gehen. Das diesjährige Forum hat in diese Informationen in hochwertiger Weise geliefert. Alle, die nicht dort waren haben etwas verpasst.

Warum sollte Holstein nicht auch eine Vorreiterrolle für die deutschen Zuchtverbände übernehmen und im Bereich Gesundheitsaspekte, Einrichtung einer zentralen Datenbank und Vernetzung von vorhandenen Daten den gedanklichen Anschub bringen? Die deutschen Zuchtverbände dürfen nicht den Anschluss verlieren und dieses Ziel können wir gemeinsam erreichen. Was alles im Bereich Aufbau einer gemeinsamen Datenbank und Nutzung von Daten aus Ankaufsuntersuchungen und Röntgenbefunden möglich ist, zeigen uns unsere skandinavischen Nachbarn. Auch wir in Deutschland sollten die Nutzungsmöglichkeit dieser Daten prüfen. In Holstein sammeln wir, wie Dr. Nissen berichtete schon seit einiger Zeit Daten über die Gesundheit unserer Pferde. Nun wird es Zeit sich darüber Gedanken zu machen, wie diese Daten sinnvoll genutzt werden können. Eine Überlegung ist die Einführung eines Stuten-Gesundheitspass. Seit einigen Jahren werden viele Stuten in der Leistungsprüfung tierärztlich untersucht und geröngt. Hier gibt es bereits Daten auf der Stutenseite für Holstein mit relevanten Informationen zur allgemeinen Gesundheit, sowie Gliedmaßengesundheit. Das wäre schon ein Schritt in die richtige Richtung.

Wir müssen an die Zukunft denken. Am Beispiel des KWPN zeigt sich, dass sich die Selektion auf Gesundheitsmerkmale lohnt und recht schnell gute Ergebnisse erzielt werden können. Nicht nur drüber reden, sondern auch Handeln ist die praktische Devise unserer holländischen Nachbarn. Wir Holsteiner dürfen nicht den Anschluss verlieren. Bis wir die ersten Früchte ernten können, wird es ein paar Jahre dauern. Die Jungzüchter von heute sind die Züchter von Morgen. Daher sind wir Jungzüchter darauf bedacht in die Zukunft zu blicken und stolz darauf auch in diesem Jahr wieder ein Thema aufgegriffen zu haben, dass aktuell heiß diskutiert wird und den Holsteiner Verband in seiner Entwicklung voran bringen wird. 

Margit Paustian und Mandes Verhaagh

Link zur Präsentation von Frau Dr. Stock

 


Home | Kontakt | Impressum